"Xmension"


Kammerspiel für zwei Schauspieler

Ort der Handlung: ein schwarzes Loch als fiktive Insel im All

Zeit: unbestimmt

Personen: Hermann der Lahme, genannt auch
Hermann von Reichenau oder
Hermannus Contractus Augiensis
(1013 - 1054)

Der Physiker, hier Stephen Hawking
genannt

Musen, Nonnen, Krankenschwestern, Mönche, Geliebte, (stumm)


Zu den Personen:

Den Reichenauer Mönch Hermann den Lahmen aus dem 11. Jahrhundert und den Astrophysiker Stephen Hawking aus der Jetztzeit verbinden einerseits die Suche nach grundlegenden Erkenntnissen über Wissenschaft und Welt und andererseits ihre persönlichen Handicaps.

Hermann der Lahme war von seiner Kindheit an gelähmt und konnte Zeit seines Lebens nur in einem Tragstuhl bewegt werden. Angeblich soll ein Bär im Garten seines Vaters, des Grafen Wolfrats von Altshausen, dem Jungen die Nervenbahnen durchgebissen haben. Andere Quellen sprechen von einer spastischen Lähmung.
Der latinisierte Name Hermannus Contractus bezieht sich auf seine zusammengekauerte Körperhaltung.
Überliefert ist, daß er kein Buch selbständig aus dem Schrank nehmen konnte und sein Sprachvermögen stark beeinträchtigt war. Mit sieben Jahren brachten ihn seine Eltern auf die Insel Reichenau, wo er bis zu seinem Tod blieb.
Unter den Bedingungen eines der bedeutendsten Klöster des frühen Mittelalters gelangte er zu einer überdurchschnittlich hohen Bildung und prägte von diesem Ort aus, den er nie verließ, als Mathematiker, Astronom, Musiktheoretiker, Komponist, Dichter und Historiker maßgeblich das Denken seiner Zeit.

Der 1942 geborene Astrophysiker Stephen Hawking leidet seit seinem 21. Lebensjahr an der Amyotrophen Lateralsklerose, einer unheilbaren Nervenerkrankung und kann nur über einen Sprachcomputer mit seiner Umwelt kommunizieren. Diese schwere körperliche Beeinträchtigung hindert ihn jedoch nicht daran, sich in Lehre und Forschung mit den fundamentalen Fragen der Entstehung und Gestalt des Universums zu beschäftigen und mit kühnen Theorien immer wieder die kontroversen Diskussionen über das Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft zu beliefern. Zahlreiche Ehrungen und Publikationen, aber auch eine hervorragende PR-Strategie ließen ihn zu einem der populärsten Wissenschaftler unserer Zeit werden.

Zur Handlung:

Das Treffen der beiden Protagonisten wird in einen modellhaften Raum verlegt, einen Ort, wie er unerklärter nicht sein könnte, ein sogenanntes Schwarzes Loch, eine abstrakte Insel im Universum in dem die Zeit keine Rolle mehr spielt.
Der Begriff des Schwarzen Lochs ist Metapher und entzieht sich dergestalt auch jeglicher physikalischen Grundlage.
Ebenso wie eine realistische Zeitebene und Verortung entfallen, wird das Leid abgestreift.
Die Handelnden entsteigen ihren Rollstühlen und werden zu quicklebendigen Männern, die mit Witz und Ironie ihre Gedanken austauschen.
Darin spielen nicht nur die großen Themen der Welterkenntnis eine Rolle, sondern auch Krankheit, Körper und Geist, Familie, Liebe, Sex, Essen und Trinken, Geld, Medien, Musik u.a.
Die einzige Zeitschiene im Stück bildet die Dauer des Gesprächs, die durch ein nahendes Ende des Schwarzen Lochs begrenzt wird. Hawking muß zurückkehren in seine Welt. Hermannus muß bleiben und wird in die nächste, die Xte Dimension übergehen, in die Xmension.
Die Frage nach dem Anfang des Universums, nach dessen Schöpfer, nach dem Anfang von Huhn und Ei kann nicht beantwortet werden und muß ebenfalls in die Xmension vertagt werden.

Zum Stück:

"Xmension" bedient sich der Form des Konversationsstücks in welchem mit weltanschaulichen und wissenschaftlichen Gedanken unserer Zeit gespielt wird.
Die von den Protagonisten verkörperte und auf den ersten Blick eindeutig erscheinende Polarität zwischen Theismus und Atheismus erweist sich im Verlauf der Gespräche als nicht stabil. Kernaussagen sind selten und tragen eher zu neuen Fragestellungen bei.
Mit einer unterhaltsamen Leichtigkeit räsonieren die beiden Denker gleichermaßen über ihre Handicaps, wie über das Ende der Welt.
Trotz der Verwendung von Zitaten und Abschweifungen ins fachliche Vokabular will "Xmension" weder eine astrophysikalische Unterrichtstunde, noch ein Behindertenstück sein, sondern anspruchsvolle Unterhaltung in einer Zeit der boomenden Wissenschaftssendungen und neu aufgeflammter Diskussionen über Anfang und Ende des Universums, zu denen in jüngster Zeit Stephen Hawking maßgeblich beigetragen hat.
Vor allem soll das Stück aber auch einen der größten Denker des Abendlandes Hermann den Lahmen ehren, dessen Geburtstag sich am 18. Juli 2013 zum 1000. Mal jährt!